Barcolana 2002 - ein unvergeßliches Erlebnis

Schon zwei Mal hatte ich die Gelegenheit, die Barcolana hautnah zu erleben: Mit "unserer" Kreta waren wir 1997 und 1998 mit dabei - und vorne dabei! Zu beiden Veranstaltungen sind wir als 13. (jawohl: DREIZEHN von über 1.500 Booten!) ins Ziel gekommen! Herrlich, wenn man in einer Regatta nach hinten schaut, und den Horizont vor lauter Booten nicht sieht. Und vorne - alles leer!

Die Barcolana ist für Triest wie ein großes (Sports) Volksfest. Die Rive sind besetzt, Standel sind aufgebaut, überall sind Leute, und alle Becken sind überfüllt mit Booten. Die ersten 100 Boote einer Barcolana bekommen im folgeden Jahr, wenn sie wieder antreten, ihre Zielnummer als Startnummer - wenn also einer eine Startnummer unter 100 hat, dann weiß der schon wie es läuft.

Nun, mit einer solchen Startnummer konnten wir heuer leider nicht aufwarten. Entstanden ist die Teilnahme, weil unsere Kollege Marko (Jöbstl) Zugriff auf eine Bavaria 50 (in San Rocco) hatte, und sich eine Crew für die 34. Barcolana suchte. Zufällig (?) und für mich sehr günstig, hat er auch an mich gedacht und mich zur Teilnahme eingeladen. Darüber habe ich mich sehr gefreut, und noch jemand hat sich gefreut: unsere Kollegin Kerstin (Schimpl), deren Wunsch es war, doch auch einmal die Barcolana mitzuerleben.

Die Anmeldung von Boot, Eigner, Skipper, Steuermann wurde von uns von Graz aus telefonisch vorbereitet, und Marko wollte am Samstag vor der Regatta die Registrierung machen. Und er tat es auch, allerdings mit mir als Skipper, weil er überraschend, zwei Tage vorher, einen wichtigen und unverschiebaren Termin annehmen mußte. 

Am Samstag, in aller Früh, ging es dann los, mit dem Auto nach Triest, Marina San Rocco, nahe Muggia. Bei schönem Wetter und bester Stimmung trafen wir uns an Bord der "Belle Monde", einer Bavaria 50, ausgerüstet für Charterfahrten. Umbauen war die Devise: Beiboot, Außenborder, Spritzverdeck, Davits, .... alles rasch abgebaut, dazwischen noch eine kurze Einschulung durch Marko, und dann raus, zum Einsegeln. Bei Bora, Stärke 3 bis 4, und Sonnenschein kam dann richtig Stimmung auf; einige Schläge Richtung Triest und Barcola, schon hieß es wieder zurück, nach hause in die Marina.

Die Ansteuerung von San Rocco, es dämmerte bereits, ist einfach, man fährt auf einem westlichen Kurs zwischen die Molen. Rechtzeitig, ca. 100 m vorher, hieß es Motor an, und dann Segel bergen. Ja, dann sollte mit einem leichten Schub mit der Maschine, zwischen die Molle gesteuert werden, aber .... trotz Stoff und kuppeln und lenken, die Belle Monde tat nicht wie gewünscht. Schnell wieder die Segel getrimmt, angeluvt in die Bucht von Muggia, und Fehler suchen! Ja, die Welle dreht sich! Nein, wir kommen nicht vom Fleck! Der Propeller ist weg!?!

Wenn der Fehler einmal erkannt ist, ist das Problem schon fast halb gelöst. Wir laufen also jetzt (wieder) unter Segeln, aber ohne Motor, zwischen die Molen, und drehen im großen Becken vor den Stegen auf. Und schon sind die Marinai zur Stelle, nehmen uns mit ihrem Gommone in Schlepp und bugsieren uns auf unseren Liegeplatz.

So weit - so gut. Aber was soll morgen werden? 

Zunächst alle Varianten abchecken: Ist der Propeller wirklich weg? Kann uns jemand noch einen montieren? Ist der Eigner einverstanden, wenn wir ohne Propeller an den Start gehen? 

Die liebenswürdige Dame an der Reception - sie spricht perfekt deutsch - kündigt auf unsere Bitte sofort einen Taucher für Sonntag früh an. Marko gibt nach Rückfrage bekannt, daß wir natürlich auch ohne "Maschinenantrieb" an einer Segelregatta teilnehmen können. Eine Reparatur kommt bis morgen allerdings nicht in Frage. Wir machen uns einen schönen Abend in Triest.

Sonntag früh, wir frühstücken und warten - und schon kommt wieder das Gommone, diesmal mit einem Taucher an Bord, pünktlich und rechtzeitig. Ein rascher Sprung, ein kurzer Blick; ja, die Schraube ist futsch! "Könnt ihr uns rausschleppen?" ist meine Frage. "Senza elica? No potete manovrare! Non potete fare la prova!" "Si, come no, e una barca a vela!" Die freundlichen Marinai beharren darauf, daß man ohne Motor keinesfalls an der Barcolana, mit 2.000 Booten, teilnehmen kann. "Aber wir wollen ja eh nur zuschauen, ohne Motor!". Unmöglich. Und eine Frau am Steuer. Basta.

Nein, doch nicht. Nach endlos scheinenden Minuten von radebrechen, verhandeln in deutsch, italienisch und englisch, diskutieren und gestikulieren, vertrösten sie uns auf 10 Minuten, fahren zurück zur Reception. Ohje, jetzt ist es aus mit der Barcolana. Aber pünktlich nach 10 Minuten erscheint das Gommone wieder, unser Boot haben wir inzwischen schon abgelegt, und schon werden wir zur Ausfahrt geschleppt.

Es ist jetzt halb neun Uhr, es geht ausreichend Wind, unter Segel verlassen wir die Bucht von Muggia Richtung Hafenbecken von Triest. Aber leider, der Wind hält nicht, und hinter den Außenmolen aus österreichischer Zeit dümpeln wir, ohne Hoffnung auf Maschinenkraft. Und die Zeit vergeht, und der Start rückt näher, aber nur zeitlich.

Es geht sich aus! Nein, wir kommen zu spät! Es geht gerade noch, da kommt ein Hauch! Nein, doch nicht. 

Jetzt stehen wir in der Regattabahn, knapp vor der Startlinie, nur - leider auf der falschen Seite! Jetzt haben wir aber doch noch Glück: Wir können uns auf die Seite drücken, sind beim Start, und ein Pulk von hunderten Booten kommt auf uns zu, vor dem Wind, zum Teil schon unter Spi - allerdings langsam, Gott sei Dank - und wir sind dabei!

Mitten in einem Wald von Masten - wir sehen den Horizont nicht - bewegen wir uns Richtung Punta Grossa (Debeli Rt), zu den Bojen 1 und 2. Spinnaker haben wir keinen, aber viele andere auch nicht, und der Wind dreht glücklicherweise etwas vor. In kleinen Gefechten mit zufälligen Nachbarn sind wir manchmal vorn, manchmal hinten, aber immer gespannt. Die Bojen, die man zuerst überhaupt nicht sieht, finden wir, indem wir den Massen nachfahren, dann sehen wir sie und wir runden sie ganz knapp, in wenigen Metern Entfernung. 

Dann geht es weiter, Richtung Miramare, zuerst ein Anlieger, dann leider doch noch ein Schlag. Der Wind ist schwach, aber genau dagegen, und auf Kreuzkurs kämpfen wir uns zum Ziel beim Porto Franco Vecchio. Nach ca. 15 Meilen und 5 Stunden 23 Minuten und 2 Sekunden passieren wir die Ziellinie, als 890. (von 1.905) wie wir jetzt wissen, und absolut garantiert ohne Motorhilfe.

Die Heimfahrt gestaltet sich einfach, ist aber trotz (oder wegen) wenigen Winds ziemlich interessant. Das Becken von San Rocco erreichen wir unter Segel, das Gommone ist schon wieder da, jetzt sind ja alle schon ganz routiniert.

Es war wieder ein faszinierende und schöne Sache! Danke SVBG, danke Triest, und danke Marko, bis zum nächsten Mal.

Das Boot
Bavaria 50 "Belle Monde", Rollgroß, leider kein Spi

Die Crew
Viktoria Kotnig 
Gerald Bliem 
Kerstin Schimpl 
Marian Berginz 
Bernd Kastreuz 
Dirk Kirschneck 
Elmar Hess 
Julian Zotter 
Richard Karischitz 

Das Resultat
Classe O: Nr. 75
Gesamt: Nr. 890

Viktoria Kotnig

Fotos von Kerstin Schimpl und Bernd Kastreuz