Assa-Segeln: Von Monfalcone bis Palma

(Bericht der Fahrt von Monfalcone nach Palma, 18. - 24.4.2006,  von Andreas Leeb;  Fotos von Andreas Leeb und Laurent Kolly)

Einiges hatte ich schon über die Assa Abloy gehört und gelesen, zB die Berichte von Bernhard Kotnig und Laurent Kolly vom September des vergangenen Jahres. Als ich allerdings am Ostermontag pünktlich um 1200 das erste Mal selbst vor der Assa stand, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich geeignet für so eine Art Boot bin.

Im Hafen von Monfalcone, in einem Reparaturbecken, da lag sie vor mir. 64 Fuß lang, 26 Meter Carbon-Mast, bereits von außen erkennbar, nur zu einem Zweck gebaut: einfach schnell zu sein.

Für mich, der ich bisher nur auf Fahrtenseglern mit zumindest ein klein wenig Komfort (sieht man von meinen unendlichen Kühlschrank-Geschichten ab) unterwegs war, ein Kulturschock. Mein Freund und Initiator dieser Fahrt, Laurent Kolly, hat wohl meinen starren Blick gesehen und sofort meinen Reisepass in Verwahrung genommen. Zu groß schien ihm wohl die Gefahr meiner Flucht zu sein.

Also, Mut und rauf aufs Boot. Der Blick vom Niedergang in den „Salon“ verschärfte meinen Kulturschock noch um eine Stufe. Nacktes Kevlar, Stehhöhe bei meiner durchschnittlichen Körpergröße im Bereich von rund 2,5 m², herumliegendes Werkzeug, nicht gestaute Segel und das versprochene WC: originalverpackt in einem Fach gestaut. Ein Elektriker der kriechend die letzten Meter Kabel verlegte, kein Eigner weit und breit: ich brauch’ ein Bier! Dass es mein letztes Bier für 7 Tage sein sollte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht (mein Kampf mit Kühlschränken auf Booten setzte sich also weiter fort).

Zurück zum Boot, gleichzeitig mit dem Eigner Hannes Schwarz und unserem vierten Mitsegler Holger Ferstl. Hannes hat Laurent und mich sofort behutsam eingeteilt „da habt's meinen Autoschlüssel, seid’s so gut, besorgt’s bei der Tankstelle 360 Liter Diesel, wir können mit der Assa dort nicht bunkern, zu seicht“ und nahm mir durch die Beschäftigungstherapie jegliche Möglichkeit auf Flucht. Wobei es wirklich interessant ist mit einem VW Golf und zwei 60 Liter-Kanistern am Ostermontag an einer Marina-Tankstelle in Italien Diesel zu bunkern. Uns erschien der Tankwart mit jedem Mal ein wenig schwankender und seine Rechenkünste bestätigten den Verdacht. Um 1600 sperrte er dann seinen Kiosk endgültig zu und wir hatten gerade erst 250 Liter ergattert.

Beim Umfüllen des Sprits von den Kanistern in die drei Tanks der Assa erzählte Hannes warum es auf der Assa so „aussieht“. Er hat in Valencia einen tollen Auftrag bekommen und muss daher 14 Tage vor dem eigentlich geplanten Auslaufen in See stechen. Daher also das Durcheinander und die betriebsame Hektik. Sein „den Rest mach’ ma später auf See“ wurde bald zum geflügelten Wort.

Hannes hat in der Marina einen eigenen Container, den er sich mit einem weiteren Regatta-Boot teilt (Forrest Gump). Aus diesem Container karrten wir Unmengen an nötigem Material und Segeln Richtung Assa. Er ist bis September gebucht und muss daher möglichst viel Material mitnehmen.

Nach 13 Stunden Stauen, Bunkern und dem Vertrautmachen mit Enge und spartanischer Einrichtung war es am Dienstag um 0115 soweit: Leinen los und aus der Marina Hannibal im Slalom zwischen unmotiviert angebrachten Bojen und Stegen hinaus in die Adria. Erst jetzt gab mir Laurent meinen Reisepass zurück. Was er nicht wusste: Längst hatte ich mich in diese Kombination aus Kevlar und Carbon eingelebt. Kein Gedanke mehr an weiche Kojen oder gar fließendes Wasser, der Kühlschrank funktioniert (dass wir das Bier vergessen hatten, hatte zu diesem Zeitpunkt keiner bemerkt).

Meine erste Wache war um 0200 zu Ende und ich fiel erstmals in die mir zugewiesene Rohrkoje oder besser: ich versuchte einen Weg zu finden, mich ohne größere Verrenkungen einzufädeln. Das Brummen des mittlerweile von Hannes mit Unmengen an Dämmmatten abgeschirmten Diesels und die ungewohnte körperliche Anstrengung ließen mich sofort sanft einschlummern.

0600 Wachbeginn zusammen mit Hannes. Wind zwischen 3 und 4 Knoten, immer noch mit der Eisengenua. Wurscht, wir haben eh noch kein Segel angeschlagen. Bei einer Tasse Löskaffee erzählt Hannes was er den Winter über so gemacht hat.

Er hat in einer schlecht beheizten Halle in Monfalcone die Assa vollständig überholt und  verfeinert. Gottseidank nicht umgebaut, sondern im Originalzustand erhalten (sieht man vom Kühlschrank ab)! Ausgelöst durch die Beschädigungen, verursacht im Spätherbst des vergangenen Jahres, hat sich Hannes zu einem kompletten Refit entschlossen. Hannes hat jedenfalls aus diesem Desaster gründlich die Konsequenz gezogen. Er überlässt die Assa keinem Skipper mehr und hat sein Geschäftsfeld in Richtung Veranstaltungen verlegt. Auf den Überstellungen zwischen den einzelnen Veranstaltungen nimmt er selbstverständlich Gäste an Bord, für NCA-Mitglieder gibt’s da ein ganz besonderes Angebot (Anfragen per email an den Club). Unter großem Aufwand wurden die ganzen Oberflächen abgebeizt und neu lackiert, der Motorschaden wurde von Profis behoben und alle elektrischen Leitungen erneuert. Die Assa glänzt und strahlt nun wieder.

Zurück zu unserer Fahrt. Wir haben im Laufe des Dienstag-Vormittags dann das Großsegel angeschlagen. Dieses Segel verdient seinen Namen zu Recht! Dank der „coffee-grinder“ und vor allem Holgers Kraft, waren wir nach dreistündiger Vorbereitung mit einer riesigen Visitenkarte unterwegs. Vorher zogen wir die Genua auf und da der Wind endlich anhob, waren wir von da an auf 12-14 kn Geschwindigkeit. Das Wetter wurde immer schlechter, Regen, Wind, Welle. Also reffen des Großsegels. Unsere Geschwindigkeit blieb dennoch ständig über 15 kn.

Was sich dann zwischen 0100 und 0600 des Mittwochs abspielte war für mich eine sensationelle Erfahrung. Die von Holger erzielte Spitzengeschwindigkeit war knapp unter 25 kn, ich selbst schaffte bei 32 kn Wind eine Vmax von 22,7 kn.

Man kann sich als Novize auf so einem Boot nicht vorstellen, was es bedeutet, mit dieser Geschwindigkeit unterwegs zu sein. Ich muss gestehen, es macht süchtig. Seit dieser Nacht frage ich mich ernsthaft, was mich noch auf ein herkömmliches Boot bringen kann?

Das Wetter besserte sich erst im ionischen Meer wieder, leider gar zu gründlich. Es blieb zwar kalt, aber der Regen hörte auf, leider mit ihm auch der Wind. Also wieder Motor starten. Hannes hat diese Phase benutzt, um endlich das originalverpackte WC auszupacken und einzubauen. Funktioniert elektrisch, hat aber gottseidank auch eine Handpumpe! Weitere Komplettierungsarbeiten und Stauaktionen verkürzten den monotonen Tag. In unseren Freiwachen zogen wir uns diesmal nicht in unsere Rohrkojen zurück sondern sonnten uns schlafend mit nur drei Schichten Gewand an Deck.

Am Freitag um 0130 waren wir dann in der Straße von Messina. Beeindruckend wie man zwischen Italien und Sizilien hindurchfährt. Reggio di Calabria und Messina strahlen um die Wette. Nicht sehr sympathisch ist allerdings der Fährverkehr. Den seitlich angebrachten Namen der Fähre „Rozina“ konnte ich ganz gut lesen…….. Im tyrrhenischen Meer war der Wind immer noch schwach, wir legten daher in Palermo einen filmreifen Tankstopp ein, der der Formel 1 Ehre gemacht hätte. Zwischen Anlegen und Ablegen verging gerademal eine viertel Stunde, zu wenig um ein wenig an Land zu gehen. So hatten wir also einen funktionierenden Kühlschrank an Bord, aber außer Wasser keine Getränke um ihn zu füllen. (Wie wir später feststellen mussten, war leider auch im gebunkerten Diesel Wasser und Schmutz!)

Nach Palermo ging es entlang der sizilianischen Küste, die in diesem Bereich wirklich sehenswert ist und endlich kam wieder Wind auf. Unzählige Delphine begleiteten uns und der Wind erlaubte endlich wieder zu segeln. Am Samstag sind wir sogar stundenlang unter Spinnaker (Reacher 300 m²) unterwegs gewesen. Dann die „Frohbotschaft“ aus dem italienischen Wetterkanal: Zwischen Sardinic- und Balearic-Channel ist Mistral mit 8 Bft. angesagt, See Stärke 5. Wir reffen wieder das Groß und ziehen eine kleinere Genua auf. Wir haben schließlich Segel für jeden Wind an Bord. Die Wellen und der Wind werden stärker, im Grunde fahren wir aber dem wirklich schlechten Wetter auf und davon. Die Assa hat wieder gezeigt was in ihr steckt.

Am Montag erreichen wir Palma de Mallorca, da wir aufgrund des heftigen Mistrals alle mehr oder weniger die ganze Nacht an Deck verbracht haben und schon ein wenig erschöpft waren, war das Segelbergen mühsam, aber um 0647 haben wir nach 1293 nm in Palma festgemacht. Wir haben die Strecke in 6 Tagen, fünf Stunden und 32 Minuten zurückgelegt. Zu viert auf einem Boot, welches zur perfekten Bedienung sicherlich mehr Personen braucht. Bei besserem Wind wären wir durchaus etliche Stunden schneller gewesen.

Wir waren alle erschöpft, ziemlich ungewaschen und auch hungrig. Daher war der erste Weg nach dem Duschen, in der vorbildlich eingerichteten Marina des Real Club Nautico (http://www.realclubnauticopalma.com/index1024.php), in eines der zauberhaften Kaffeehäuser in Palma. Dort haben wir auch Holgers Geburtstag, welcher eigentlich am Sonntag war, nachgefeiert.

In Palma war am Vortag die „Hublot Palmavela“ zu Ende gegangen und die Mannschaften der diversen „Wallys“ (ua Y3K und tiketitan) und sonstigen „kleinen“ Regattajachten (Alfa Romeo, Nariida, Shiraz) waren noch in der Marina. Es war für mich unglaublich mit welcher Begeisterung diese Fachleute die Ankunft der Assa aufnahmen.

Fazit: die Assa Abloy ist ein faszinierendes Boot, richtig gesegelt unheimlich schnell, der nicht vorhandene Komfort ist schnell vergessen und ich kann nur jedem raten die Gelegenheit zu nützen auf einem der letzten „unverbastelten“ echten VO 60 Booten mitzufahren. Viele der verkauften VO 60 wurden ja zu beinahe Fahrtenseglern umgebaut, die Assa vermittelt in ihrem Originalzustand einen kleinen Einblick in die härteste Regatta der Welt. Man sollte nur wirklich „seefest“ sein oder einen großen Vorrat an „Echnatol B 6“ mithaben. Urlaub, im eigentlichen Sinn des Wortes, darf man sich nicht erwarten.  Und man braucht natürlich einen guten Freund wie Laurent, das hilft auch!

Hannes Schwarz ist außerdem ein Skipper, der trotz seiner überlegenen Erfahrung vollkommen natürlich geblieben ist und man kann auf so einer Überstellung verdammt viel lernen. Sowohl über das Boot und die Technik, als auch übers Segeln. Und die Geschwindigkeit, tja, die ist ein Rauschmittel und macht süchtig. Eigentlich müsste ein Warnhinweis auf der Assa angebracht werden!