„222 Stunden ASSA ABLOY“

Erlebnisbericht von Laurent Kolly

Eine kurze e-mail Nachricht löste diese ganze Geschichte aus. In dieser bot Andreas Hanakamps Segelwelt.at einen Überstellungstörn mit dem ersten VO 60 Racer in österreichischem Besitz an. Volvo Ocean Racer sind in der Hochsee-Segelgemeinde ein Begriff, den man nicht näher zu erläutern braucht. Die Faszination die von diesen Booten ausgeht lässt sich nur schwer beschreiben. Eine Bootsklasse, entwickelt um in einer Wettfahrt durch alle Weltmeere (ehem. Whitbread), auf 32.600 Meilen alles aus Mensch und Material herauszuholen. Jeden Wetterverhältnissen zu trotzen und trotzdem mit jedem noch so kleinen Lüfterl einen schönen Vortrieb zu erreichen.

Die vierte Etappe des Überstellungstörns sollte uns binnen 7 Tagen von Almería (Spanien) nach Triest (Italien) führen, soweit der Plan. Doch wie es beim Segeln eben so ist, der Plan war schon bei Antritt der Reise Makulatur. Zuerst wurde der Abreiseort auf Málaga verlegt, was eine Verlängerung der Strecke um ca. 95 sm oder 12 Stunden Fahrt mit sich bringen sollte und dann liefen wir auch sobald alle neuen Besatzungsmitglieder an Bord gegangen waren (Sonntag 0335 MESZ) aus um uns diese längere Wegstrecke zeitlich hereinzuholen. Dieses gelang uns auch recht gut, denn der Wind war uns gewogen und die Mannschaft noch voller Kraft und Tatendrang.

Die Verhältnisse an Bord lassen sich mit der Bezeichnung „sub-standard auf hohem seglerischen Niveau“ beschreiben. Gemeint ist damit eine überdimensionale Rennjolle, mit einer Kajüte, deren Innenausbau fast ausschließlich aus Rohrkojen (an den Seitenwänden montierte Klappbetten) einer Kochstelle (eine Gasflamme in Kniehöhe) und einem hervorragend ausgestattetem Navigationsbereich bestand. Eine Vielzahl von Ersatzteilen und vor allem jede Menge Segel hatte Hannes Schwarz der Skipper und neue (Mit)Eigner der Assa Abloy 1 bei der Übernahme in Stockholm mitbekommen, vieles davon polsterte jeden Schritt den ich unter Deck machte.

Nachdem die vierte Etappe des Überstellungstörns wie bereits erwähnt bis in die erweiterte Heimat der österreichischen Segler führte, nahmen an dieser Fahrt auch wesentlich mehr Begeisterte teil als an den 3 Etappen davor. Mitsamt dem Skipper Hannes Schwarz sowie dem 1. Wachführer/Bootsgehilfen Niklas Lundberg, einem in Stockholm angeheuerten schwedischen Bootsexperten, waren 10 Männer und 2 Frauen an Bord. Diese 12 Besatzungsmitglieder wurden in zwei Wachgruppen á 5 Personen geteilt, der Skipper und ein eigener Navigator (welchen ich geben durfte) waren bei Bedarf immer an Deck zugegen.

Das erste Mal Segel setzen war schon ein Erlebnis. Ein riesiges Großsegel (117m², Kevlar) auf einem Mast mit 26 Metern Höhe zu hieven ist eine Kraftanstrengung für sich. Ohne die „Kaffeemühlen“ genannten grinder, welche stehend und meist von zwei Mann bedient werden ein aussichtsloses Unterfangen, und mit ein Grund, warum wir in Zeiten schwachen Windes und deshalb Motorens das Großsegel meist stehen ließen. Aber natürlich nicht der einzige Grund, denn mit einer so großen Visitenkarte durch das Mittelmeer zu fahren hat auch seinen ganz besonderen Reiz.

Um es den Wachen zu erleichtern mit der Sonne den Dienstwechsel zu vereinbaren, stellten wird die Bordzeit auf UTC (2 Stunden zurück). Meine Aufgabe war es dann auch gleich nach dem Auslaufen auf der Grundlage vorhandener Wetterberichte und –vorhersagen uns in eine gute Raumschotsposition zu bringen. So setzte ich einen Kurs nahe der spanischen Küste ab, nach Passieren des Cabo de Gata (Südostspitze Spaniens) dann nach NE um den erhofften NW Wind aus der Balearenzone gut nützen zu können. Doch wieder einmal kam es anders als gedacht. Der Wind schlief förmlich ein, ein ausgedehntes Hochdruckgebiet bildete sich über dem Seegebiet zwischen Spanien, Sardinien und Algerien und wir hatten keine andere Möglichkeit als tagelang mit dem „Eisensegel“ bei schönstem Sonnenschein die Aussicht zu genießen (Meer-Meer-Delphine-Meer-Meer-Schildkröten-Meer-Meer-Delphine-...).

Es hätte uns schlimmer treffen können. Wir hätten auch tagelang mit Windstärke 7 einen Kampf um jede Meile führen können, aber dafür waren wir noch nicht weit genug auf unserer Fahrt. Vor uns tobten die Gewitter, waren das Wetterleuchten und Regengüsse schon zu erkennen, wurden im Navtex die Meldungen über Gales (Stürme) und Thunderstorms (Gewitter) eindringlicher, speziell im tyrrhenischen und ionischen Meer. Doch mit Erreichen dieser Zonen war das schlechte Wetter meist Geschichte, der Wind schwach und die Dünung nur mehr in Resten vorhanden.

Zwei bemerkenswerte 360° Winddreher (mit Rückdrehung) innerhalb von einer halben Stunde, kündigten uns die Durchfahrt durch das Zentrum des Hochs an, der Wind wurde von da an stetiger in Richtung und Stärke, und schon in der Nacht konnten wir auf den Motor als Vortriebshilfe ganz verzichten. Wir hatten es uns zur Gewohnheit gemacht, unter 7 Knoten Geschwindigkeit immer den Motor mitlaufen zu lassen, denn ansonsten wären wohl die schlimmsten Befürchtungen meiner projektierten Ankunftszeit eingetreten.

Das lange Warten auf den richtigen Wind hatte nun ein Ende. Fast drei Tage lang konnten wir einen schönen NW-Wind der Stärke 3 nützen, welcher uns viel Freunde mit dem wunderbar manövrierfähigen und auf die Wellen aufgleitenden Boot bescherte. Jetzt kamen neben der normalen Genua Jib 3 (83m², Kevlar) auch einige Vorsegelvarianten zum Zug, wie zum Beispiel der Runner A6 und der Spi A2 (300m², Nylon). Das Setzen und Bergen dieser Segel war meist auch das Highlight des seglerischen Tagesprogramms.

Die Wachgruppen versuchten abwechselnd die Tageshöchstgeschwindigkeit zu erreichen, 11 bis 12 Knoten waren schon keine Seltenheit sondern fast ständig gefahren worden. Unsere Etmale erreichten in diesen Tagen auch beachtliche 216 und 220 Meilen. Die Hoffnung auf eine rechtzeitige Ankunft in Triest war wieder berechtigt. An der Südspitze Sardiniens überholten wir einen wunderschönen alten Dreimaster und steuerten auf Ustica und die liparischen Inseln zu. Hier war seit langer Zeit wieder einmal Land zu sehen. Wir entschieden uns für die Durchfahrt zwischen Lipari und Salina, dann nahmen wir Kurs auf die Straße von Messina.

Nachdem sich unser schwedischer Wachführer eine Angina zugezogen hatte, bekam ich diese Stelle zusätzlich in meine Agenden und hatte von da an mit erheblich weniger Schlaf auszukommen. Doch die tollen Erlebnisse wie zum Beispiel der Durchfahrt durch die Straße von Messina entschädigten mich reichlich für die entgangenen Ruhepausen. Wir erreichten die Ansteuerung zu dieser Meerenge just zu der Zeit, zu der der Strom Richtung Norden seine volle Kraft entwickelte. Wir mussten Richtung Süden und hielten mit dem Motor gegen den Strom. Die See hatte ein aussergewöhnliches Aussehen. Die Dünung aus dem Norden wurde von dem Strom aus dem Süden regelrecht verschluckt. Es gab ausgedehnte ebene Flächen zwischen sich kräuselnden Bereichen, das Wasser sah aus als wäre es schwer und dickflüssig. Zeitweise hatten wir einen Strom von drei Knoten gegenan, und erreichten den Hafen von Reggio di Calabria erst zwei Stunden nach Einfahrt in die Meerenge.

In Reggio mussten wir uns leider schon von dem ersten unserer Mitsegler verabschieden, drei weitere sollten wir einen Tag später in Brindisi absetzen müssen, denn der fortgeschrittene Zeitplan erlaubte es ihnen nicht bis zum Ende dabei zu sein. Mit einer absehbaren Ankunft spät am Montag Abend konnten sie ihre beruflichen Termine leider nicht in Einklang bringen.

Die Überquerung des Golfo de Taranto war für uns alle ein weiteres seglerisches Vergnügen. Mit Windstärken bis zu 25 Knoten und einer mittleren See, erreichten wir auf Halbwindkurs trotz gerefftem Groß und der Jib 4 (67m², schweres Kevlarsegel) Spitzengeschwindigkeiten bis 17 Knoten. Der Regen und die Krängung machte uns das Spektakel nur noch schöner. Kaum jemand der in dieser Situation auf sein Recht zu Steuern verzichten hätte wollen.

Der Kurzaufenthalt in Brindisi am Samstag Abend brachte uns dann für zwanzig Minuten in die Zivilisation zurück, Eis, Toast, Bier waren am höchsten im Kurs. Leider verloren wir an diesem Abend auch einen Großteil unserer Kochmannschaft, welche uns trotz widrigster Umstände (wie gesagt eine Flamme) mit hervorragendem Essen verwöhnt hatte. Das Risotto mit Meeresfrüchten hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Die Fahrt durch die Adria begann mit der Suche nach der Bremse, welche wir vermuteten, denn wir machten auch unter Segel mit Motorunterstützung kaum mehr 7 Knoten Fahrt, ein Umstand der uns stundenlang auf Trapp hielt. Nach einer abrupten Retourfahrt meinte der Skipper dann etwas im Wasser entdeckt zu haben, die Fahrt konnte mit etwas mehr Geschwindigkeit fortgesetzt werden.

Am nächsten Morgen versuchten wir uns den Wind unter einer Gewitterwalze zu nutze zu machen, aber als wir sie dann endlich erreichten, begann sie sich einfach aufzulösen. So mussten wir fast den ganzen Tag motoren und hofften auf mehr Wind vom Festland. Nach dem Leuchtfeuer Muljica bei Rogoznica kamen wir in den Genuss einer schönen Morgenbora, mit deren Hilfe wir einige Stunden durch die Kornaten streifen konnten. Für diese wunderschönen Inseln hatten wir nur Augenblicke, aber keine Zeit mehr.

Wir steuerten den kürzesten, mit dem Gegenwind machbaren Kurs Richtung Istrien, passierten PORER am Montag um 2350 MESZ und legten um 0950 am Dienstag in der Marina Hannibal in Monfalcone an. Wir hatten einen Törn über 1650 sm ohne Verletzungen, ohne große Anstrengungen, aber mit viel Spaß und tollen Segelstunden hinter uns gebracht. Die ASSA ABLOY 1 war zu Hause.